Das Abstillen ist ein Thema, bei dem viele Mamas vielleicht zum ersten Mal knallhart konfrontiert werden, ihre bedürfnisorientierte Haltung genau anzuschauen. Sich ihrer eigenen Bedürfnisse klar zu werden und wie sie diese in das eigene Familienleben integrieren möchten. Die persönlichen Ressourcen im besten Fall mit einbezogen.

Abstillen scheint unerreichbar, du dachtest, das käme schon friedlich von selbst…

Angenommen du und dein Kind, ihr hattet eine lange erfüllte Stillzeit mit ihren Aufs und Abs. Immer lauter wird in dir der Wunsch, dass diese nun zum Ende kommt. Du hast dich viel rein gegeben, genossen und – immer öfter – auch nachgegeben. Irgendwann – so dachtest du – würde dein Kind sich schon selbst und – so hofftest du – friedlich und ohne Widerstand abstillen. Das geht tatsächlich, aber bei vielen Kindern tritt das zu einem Zeitpunkt ein (mit etwa 6-7 Jahren), der für die meisten Mamas in unserem heutigen System und unter Beachtung ihrer vorhandenen sozialen und physischen Voraussetzungen unmöglich zu erreichen ist.

Deine innere Alarmglocke springt an – du wirst wütend… du wirst „gemein“…

Dein Wunsch abzustillen wird immer konkreter und lauter, du übergehst immer öfter dein Bedürfnis, um deinem Kind „gerecht zu werden“, es braucht es doch gerade so sehr.

Dass du wütend wirst, ist ein überdeutliches Signal, dass sich bei dir ein unerfülltes Bedürfnis anstaut. Und das vielleicht schon seit mehreren Monaten.

Eure Signale – so deutlich und so diffus

Das Signal, dass dein Kind wahrscheinlich sehr konkret aussendet, ist: „Ich möchte meine gewohnte Regulation, ich bin traurig und wütend.“ Und das ist in Ordnung!

Du musst es hier nicht schützen, indem du weiter stillst. Alter und Entwicklungsstand eines Kleinkindes lassen es zu, z.B. unter Begleitung warten zu müssen. Dein Kind darf wütend und verzweifelt sein. Hier entsteht natürlich eine belastende Situation für dich, auf die ich unten weiter eingehe.

Das Signal, welches du sendest, wenn du trotzdem weiter stillst ist: Es ist ok, die eigenen Bedürfnisse zu missachten, und du, mein Kind, gehst mir mit deinen auf die Nerven. Deine Bedürfnisse sind nicht ok.

Das ist in vielerlei Hinsicht schwierig, du möchtest deinem Kind sicher ein positives Vorbild sein.

Es ist normal, dass du in diese Situation gerätst, sicher hast auch du sehr wenige Vorbilder, die bereits lange gestillt haben. Sicher verfügst auch du nicht über unerschöpfliche Ressourcen – sozial wie auch physisch.

7 Schritte für einen liebevollen Abstillprozess mit deinem Kleinkind (und dir selbst)

1 >> Die Frage der Zumutbarkeit

Nora Imlau nannte es einmal „Die Frage der Zumutbarkeit“: werde dir bewusst, wann wem was möglich und vertretbar ist, zuzumuten? Deinem Kleinkind der berechtigte Frust darüber, dass die gewohnte Regulations-Strategie über den Haufen geworfen wird? Dir selbst, deshalb weiter zu stellen? Oder eben mit dem Stillen aufzuhören und den Frust deines Kindes über einen absehbaren Zeitraum zu begleiten? Einem Partner, Oma oder anderer Bindungsperson, die dich unterstützen kann die starken Gefühle von deinem Kind und dir?

2 >> Innere Klarheit finden

Es ist so. Kinder bekommen alles mit. Alles. Auch deine eigene innere Zerrissenheit und Verunsicherung. Deshalb ist es wichtig, dass du diese innere Klarheit erschaffst. Hast du zu dieser gefunden, hat das oft schon fortschrittliche Auswirkungen auf euren Abstillprozess.

Ebenfalls Nora Imlau erschuf diese wirkungsvolle Übung, um dir deines Abstillwunsches radikal klar zu werden: Stelle dir vor, wie du dein Kind das allerallerletzte Mal stillst. Du wirst es danach nie wieder stillen. Beobachte, welche Emotionen in dir aufkommen? Ist das eher „Oh nein, bitte noch nicht! Mein Baby!“ oder ist das eher „Ja. Ja, es ist soweit.“

3 >> Wunsch konkret formulieren und Unterstützung suchen

Wenngleich du auf deinem Weg bis hierher skeptische Blicke und Kommentare geerntet hast, weil eure Stillbeziehung länger als die pauschalen 6 Monate andauern durfte, bringt dies einen besonderen Vorteil mit sich (neben vielen Gesundheits- und Beziehungs- förderlichen natürlich): dein Kleinkind und du, ihr könnt euch bereits mit Worten verständigen! Deshalb, teile dich mit. Teile dich mit deinem Unwohlsein und eventuellem Schmerz mit. Erkläre, zu welchem Bedingungen du stillen möchtest und unter welchen nicht (mehr).

Teile dich auch möglichen Unterstützer*innen mit, wie deinem*r Partner*in, Großeltern oder Freund*innen. Mute dich auch hier zu, benenne, was genau du brauchst, um den eventuellen großen Schmerz und Gegenwillen deines Kindes begleiten zu können. Signalisiere, wann dir wer genau diese herausfordernde Begleitung abnehmen kann.

Überlegt euch gemeinsam einen Plan, der in der Realität wieder über den Haufen geworfen werden kann. Doch das Setzen dieser gemeinsam getragenen Aufgabe zählt und schafft Verbindung in alle Richtungen.

4 >> Hilfreiches Setting erschaffen

Wenn es für dich hilfreich und wichtig während eines nächtlichen Abstillprozesses ist, verändere eure Schlaf-Situation. Lege eine Matratze dazu oder teile das Bett auf. Ganz wie ihr es braucht, um z.B. in der Nacht gut für dein Kind da sein zu können. Schaffe die Möglichkeit für Pausen. Tag und Nacht. Wer kann dich unterstützen, das Essen, den Haushalt über nehmen. Oder was du sonst noch für Aufgaben hast.

5 >>Sei milde mit dir!!!

Und du wirst dort hin kommen. Du wirst dich in diesem Moment wieder finden, in welchem dich die Kraft verlässt, in dem ihr beide oder alle weint, verzweifelt seid und zweifelt. In dem du trotzdem Stand hältst oder in welchem du „auf gibst“ und doch nochmal stillst. Beides ist ok. Benenne deinem Kind gegenüber in Ich-Formulierungen, wie es dir geht. Dass du für es da bist, du weißt, das es schwer ist und dass ihr das zusammen schaffen werdet. Oder dass du gerade merkst, wie erschöpft ihr beide seid und deshalb jetzt stillst. Für so und so lange. Und morgen oder später ist wieder ein neuer Moment mit neuer Kraft.

6 >>Neue Rituale etablieren

Gerade in diesen schmerzhaftesten Momenten der Trauer, Erschöpfung und des Trostes werdet ihr vermutlich ein völlig ungeplantes neues Ritual für euch finden, welches von da an eure körperliche Nähe oder Verbindung intensiviert, statt dem Stillen.

Vielleicht hast du die Idee, dass das nicht-mehr-stillen z.B. Nachts genauso erfolgen sollte, wie es dann auch fort geführt wird. Hier möchte ich dir raten, gib euch zeit. Und es ist ok, für eine gewisse akute Zeit eine „Übergangsregelung“ zu haben, da alles andere jegliche Belastungsgrenzen übersteigen würde. D.h. zum Beispiel, dass du zu Anfang dein Kind nachts auf den Arm nimmst, um es wieder in den Schlaf zu begleiten. Statt, wie es irgendwann am entspanntesten wäre, im Liegen wieder einzuschuckeln. Ihr werdet dort hin kommen. Überprüfe, was genau hier und jetzt für euch passt und wichtig ist.

7 >>Viel Bindung und Beziehung außer dem Stillen anbieten

Um eure Abstill-akut-Situationen versuche viel Bindung und Beziehung entstehen zu lassen. Durch Spielen, kuscheln, auf Augenhöhe sein. Das muss und kann nicht ausschließlich durch dich als Mama allein geschehen! Abstillen ist nicht selten auch eine Phase, in der sich weitere Bindungen und Beziehungen für dein Kind auf tun und intensivieren. Eine ganzheitliche Abnabelung sozusagen.

Und auch in diesen engen Phasen können neue Rituale entstehen, wie kuschelnd Buch lesen, gemeinsam singen uvm.

Es ist kein leichter Prozess. Nein, das ist es nicht. Dachtest du doch, der Widerstand deines Kindes zeige wichtige Bedürfnisse auf. Doch dein Kind im Kleinkind-Alter braucht dich auch als gesundes Vorbild. Es darf erleben, dass auch du dich selbst ernst nimmst und auf dich Acht gibst. Es darf lernen, dass es in Ordnung und normal ist, starke Gefühle zu haben und zu zeigen. Und dass du es damit nicht allein lässt. Gemeinsam geht ihr da durch.

Hör auf dein Herz.

Und pass auf dich auf.

Deine Jana

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