Geburtshilfe in Deutschland – Eure Gedanken

Zu meinem Artikel „Was wenn ich keine Hebamme finde – über Existenzen und Frauenrechte“, in dem ich mich mit der aktuellen Situation der Geburtshilfe in Deutschland beschäftige, gab es so viele betroffene, wundervolle, interessante und nachdenkliche Kommentare von euch.

Es geht nicht nur um Hausgeburt oder nicht. Geburtskliniken schließen und sind unterbesetzt. Es geht um mehr. Um Frauenrechte. Um Feminismus. Um die Zukunft unserer Kinder.

Leider brach einige Zeit danach meine Webseite zusammen und ich musste alles wieder neu aufbauen, wodurch auch eure Kommentare unter dem Beitrag verloren gingen. Deshalb entschied ich mich einige, die ich retten konnte zusammen zu tragen. Als Stimmen zur gegenwärtigen Situation. Als Aufruf. Et Voilá:

Hach, Geburten – sie sind so archaisch, können so toll sein. Ich hatte immer Beleghebammen (das war aber noch damals…1997, 1999, 2005, 2013 +grmpf). Ich kann es mir gar nicht anders vorstellen. Muss ich vielleicht meine Tochter in ein paar Jahren allein begleiten, wenn sie nicht ins KH will? Die Masse ist sich leider nicht bewusst, wie wichtig eine Hebammenbegleitung ist. Das war aber leider auch 1997 schon so. Ich wünsche mir, dass Gebären und die Begleitung durch „sage femmes“französisches Wort für Hebamme, welches sich gleichzeitig mit „weiser Frau“ übersetzen lässt (sage ist auch Salbei, der von Schamanen zur Reinigung verbrannt wird) wieder das Selbstverständlichste von der Welt wird. Sonja

 

Ich danke dir für diesen wunderbaren Text. Respekt! Und ja , wir wehren und ermächtigen uns wieder. Ich hoffe das wirkt ansteckend. Liebe Grüße, Silke – aberwehe.wordpress.com

 

Liebe Jana, ich kann dir nur zustimmen. ich habe leider in 2015 schon keine Hebamme mehr gefunden, die mich beim ersten Kind begleitet hätte können („nur“ fürs Wochenbett und während der Schwangerschaft – Hausgeburt wäre für mich aus medizinischen Gründen leider nicht infrage gekommen). Somit habe ich das Wochenbett und die Zeit der schwierigen Schwangerschaft alleine gemeistert. Ich bin so schockiert von all dem, was ich erlebt habe, dass ich nie mehr schwanger werden möchte. Mein kleiner Sohn war so stark traumatisiert, dass er heute mit fast einem Jahr noch darunter leidet. Das wirklich Schlimme ist aber, das man überall, wo man hingeht mit Müttern spricht, die ähnliche Erfahrungen machen mussten. Das ist so schockierend und unfassbar schrecklich. Ich habe letztes Jahr Briefe geschrieben an die Krankenkasse meines Mannes, meine Krankenkasse, Radiosender und lokale Zeitungen. Außerdem habe ich mich beteiligt an den verschiedenen Websites, wo man eintragen konnte, dass man unterversorgt ist. Auch wenn die Stimme der Mütter und Hebammen – der FRAUEN – wieder immer lauter geworden zu sein scheint, so verhallt sie dennoch scheinbar ungehört.Man bleibt fassungslos zurück und fragt sich unweigerlich, wo das alles nur hinführen soll…Lieben Gruß vom Ammersee, Julia und Sebastian

 

Ich habe gerade deinen hervorragenden Blogbeitrag gelesen. Ich fühle mich zurück versetzt in die Angäne bis Mitte der 80-er, als wir Frauen wieder begannen, zuhause zu gebären, auch im Zuge der Frauenbewegung. Ich habe den Eindruck, dass wir wieder am Anfang stehen, aber in einem viel größeren Desaster als damals. Und ich kann nicht sagen wieso. Vielleicht waren wir damaligen Mütter und heutigen Großmütter einfach noch nicht konsequent oder stark genug, um das Erreichte zu erhalten oder weiter zu entwickeln. Aber gerade deshalb finde ich es unerhört wichtig, uns nicht aufs Altenteil zurück zu ziehen, sondern für unsere Töchter und Enkelkinder den Kampf für unsere Rechte wieder aufzunehmen. Gemeinsam sind wir stärker, als wir es damals waren….

Ich habe meine 3 Kinder hier an meinem Wohnort in einem kleinen KKh geboren. Meine Tochter kam mit Hilfe einer tollen Hebamme zur Welt, die auch eine Hausgeburt begleitet hätte…..Meine beiden anderen begleitet von einer ehemaligen Landhebamme, die dann eine Festanstellung in KKH hatte. für mich was das ok. Aber heute würde ich kein Kind mehr in einem KKH bekommen wollen, weil ich durch die Geburten meiner Enkelkinder erlebt habe, wie sehr sich Geburt im KKH und Hausgeburt unterscheiden. Monika

 

Gedanken die ich so mit mir trage: wenn man auf natürliche Weise geboren wird, dann erlebt das Kind die Mutter als Naturgewalt, überwältigend, die Enge im Geburtskanal gibt dabei auch Halt, der natürliche Rhythmus der Muskelkontraktionen bietet Raum zum Verarbeiten der Bewegung und der Erholung. So kann man die Mutter als überwältigend kraftvoll und stark erleben, und vertrauen, weil sie einen beim Übergang hilft und man letztlich wieder in Geborgenheit landet, in den Armen der Mama, auf dem Bauch und an der Brust genährt wird, physisch und emotional. Im natürlichen Sinne.
Wenn aber nun Komplikationen oder nötige oder unnötige Interventionen stattfinden (in D waren 2010 nur 7 % der Geburten ohne medizinische Intervention), auf den Bauch gedrückt wird, die Mutter in ihrem Rhythmus gestört wird, der Damm verletzt wird, Medikamente über den Nabel aufgenommen und in ihrer Wirkung erlebt werden, etc. pp, dann entsteht eine tiefere Angst vor dieser weiblichen Naturgewalt. Dann prägt ein existenziell bedrohliches Erlebnis die psychische Struktur und als Erwachsener später kann man eine Geburt ohne Interventionen schwerer aushalten, da die eigene Prägung möglicherweise mit „lebensgefährlich“ verankert ist und dann im Wege steht.
Ich denke das spiegelt sich auch kollektiv im auf Risiko fokussiertem Verhalten der Geburtsmediziner wieder, in der Situation der Haftpflichtversicherungen, etc. als einen Aspekt unter mehreren.
So als 2 Cents von einem Mann, der einer verletzten inneren Mutter begegnet ist.

Für mich sind Schwangerschaft und Geburt wie die Wurzeln eines Baumes, des Lebensbaumes.Holger

 

Und hier ein Text meiner Mutter, die mich vor 30 Jahren zuhause zur Welt brachte:

Meine liebe Jana, ich bin ganz berührt davon, dass du dich auf den Weg machst, Frauen Mut zu machen und sie zu ermuntern, an ihre Stärke zu glauben – hier im Kontext Familie und Geburt.
Auch ich bin erschüttert, welche Entwicklung Geburtshilfe genommen zu haben scheint in einer Entwicklung der Medizin, die mehr betriebswitschaftlich als caritativ orientiert scheint, in der die proffessionell helfenden gezwungen sind, zu rechnen, statt zu begleiten ( damit meine ich zuerst Hebammen, aber auch viele andere Berufsgruppen).
Wo sind die Ideale einer selbst bestimmten Geburt geblieben, die z. B. auch deine Eltern leiteten? Oder waren es schon immer einige wenige, die für sich in Anspruch nahmen, selbst über ihren Körper und was damit geschieht zu entscheiden? Müssen wir (Frauen) uns auch selbstkritisch fragen, ob wir in einer schnelllebigen Zeit vergessen haben, auf uns zu hören und zu achten und entsprechende Forderungen zu stellen? Wie sehr spiegelt das, was du (und andere) erleben musstest auch wider, dass (Selbst)Optimierungswahn keinen Platz für Solidarität und Emathie lässt? Wie sehr bestimmt unser (eigenes) Frauenbild unseren Umgang mit einem urweiblichen Thema: Kinder gebären.
Wo ist der eigene Anteil, denn nur den kann ich ändern ….
Bin ich in der Lage über den eigenen Tellerrand zu sehen und mich fit zu machen für eine selbstbestimmte Geburt oder glaube ich lieber an PDA und andere, wichtige -wenn NOT -wendige- Helferlein?
Was sagt meine Art, mein Kind zu bekommen darüber aus, wie sehr ich mich mit mir und meinen Bedürfnissen befasse- und bin ich bereit, dafür einzustehen?
Wie bereit bin ich, Konflikte auszutragen oder lasse ich lieber andere entscheiden?
Wie gehe ich mit Frauen um, die einen anderen Weg einschlagen, als ich ?
Erkläre ich sie für verrückt, wenn sie ihr Kind z. B. zuhause bekommen möchte oder biete ich Unterstützung an?
Mir fallen noch einige Fragen ein, die mich in dieser scheinbar emanziperten Zeit beschäftigen und von denen ich hoffe, dass vor allem Frauen sie sich immer wieder stellen.
Ich bin sehr froh und stolz, dass du genau das tust und ich durch dich erleben darf, dass viele junge Frauen nach wie vor an ihren Werten festhalten und sich fragen, was ihr eigener Weg ist.
Danke dafür! Deine Mama

Danke für eure Offenheit und eure Beiträge. Es sitzt tief und es ist noch lange nicht geschafft.

Auf respektvollere Zeiten… Eure Jana*

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